Sechs, sieben oder acht: Du kannst dich entscheiden

Prof. Dr. Timm Braasch war im vergangenen Semester virtuell am Flex-Modul Mathematik beteiligt. Dabei ging es darum, Mathematik an Anwendungsbeispielen erlebbar zu machen: Ist es wirtschaftlicher, ein Smartphone zu kaufen oder es zu mieten? Das Modul war auch zeitlich flexibel, sodass die Teilnehmer mitmachen konnten, ohne andere Veranstaltungen oder Verpflichtungen verschieben zu müssen. Foto: WH/BL

Kaum eingeschrieben, können die Studierenden der Bachelor-Studiengänge „Technische Gebäudeausrüstung“, „Wirtschaftsingenieurwesen/Technisches Facility-Management“ und „Umweltingenieurwissenschaften“ in den Studienorientierungswochen zum ersten Semester noch einmal überlegen, ob sie in sechs, sieben oder acht Semestern Regelstudienzeit zum Abschluss kommen wollen. Das, so Dekan Prof. Dr. Christian Fieberg, sei in Nordrhein-Westfalen einmalig.

(BL) Um ihre Entscheidung zwischen sechs, sieben oder acht Semestern Regelstudienzeit zu treffen, machen die Studierenden einen Selbstprüfungstest zu ihren Mathematik- und Informatik-Kenntnissen, füllen anschließend einen Fragebogen zu ihrem Weg an die Hochschule aus und werden von einem Lehrenden in einem Einzelgespräch anschließend beraten. Erst dann fällt die Entscheidung zum Standardstudiengang mit sechs Semestern Regelstudienzeit, zum Flex-Studiengang mit sieben Semestern oder zum Teilzeit-Studiengang mit acht Semestern. „Unsere Erfahrung mit Erstsemester-Studierenden in den letzten Jahren war, dass sie zwar die Fähigkeit zu den gewählten Studiengängen haben, aber aufgrund ihres schulischen Werdegangs Kenntnis-Lücken haben oder ihnen wegen ihrer familiären Situation neben Arbeit oder Betreuungsaufgaben oder wegen einer parallelen Berufsausbildung im dualen System aus Betrieb und Berufsschule nicht ausreichend Studienzeit zur Verfügung steht, um das Studium in sechs Semestern zu schaffen“, so Dekan Prof. Dr. Christian Fieberg. Wichtig dabei ist, dass sich die Zusatzsemester nicht aufs Bafög auswirken, da die Regelstudienzeit mitwächst.

Um die Studiengänge derart zeitlich zu flexibilisieren, griff der Fachbereich bei der letzten Akkreditierung bzw. Reakkreditierung dieser Studienprogramme auf einen Paragraphen im NRW-Hochschulgesetz zurück, der es erlaubt, „Möglichkeiten des Selbststudiums“ und die „Verbindung von Berufsausbildung oder Berufstätigkeit“ im Sinne „guter wissenschaftlicher Lehre“ in den „geregelten Lehr- und Prüfungsbetrieb“ einzubauen. Außerdem können die Hochschulen Ergänzungskurse anbieten und Maßnahmen zur Verbesserung des Studienerfolgs vorsehen. Die Prüfungsordnung kann entsprechend angepasst werden. Wer’s nachlesen will: Paragraph 58, Absatz 2 und 2a des Gesetzes über die Hochschulen des Landes Nordrhein-Westfalen. So weit die Rechtsgrundlage.

In der Lehreinheit Umwelt- und Gebäudetechnik entstanden daraus die sieben- und achtsemestrigen Studiengänge. Besonders die siebensemestrigen Flex-Studiengänge sind neu, während das achtsemestrige Modell zum Einbau von Ausbildung, Arbeitstätigkeit oder als Teilzeit-Studiengang schon länger von der Westfälischen Hochschule verfolgt wird. Der Flex-Studiengang bietet 900 Stunden wählbares Studienangebot. Die Module werden entweder an der Hochschule, virtuell über die Hochschule oder im Selbststudium erarbeitet. Hier werden Kenntnislücken in der Mathematik oder Informatik gefüllt, außerdem gibt es Angebote für Sprache, Fremdsprache und überfachliche Schlüsselqualifikationen wie Präsentationsfähigkeit oder Teamarbeit. Für die individuelle Zusammensetzung der Flex-Module gibt es im Fachbereich persönliche Beratung, für die die Lehrenden extra ein Coaching-Seminar absolviert haben.

Im ersten Semester der Studiengangsflexibilisierung haben sich 52 Studierende für die sechssemestrigen Studiengänge eingeschrieben, 42 haben sich für die sieben- oder achtsemestrigen Studiengänge entschieden. „Das sehe ich als guten Erfolg unserer Studienflexibilisierung“, so Dekan Fieberg, „und ich gehe davon aus, dass das den Studienerfolg der Studierenden steigert und die Abbrecherquote senkt.“

Schon jetzt ist Prof. Dr. Friedrich Kerka davon überzeugt, dass die Westfälische Hochschule mit diesem flexiblen Studienangebot etwas Besonderes geschafft hat. Kerka hatte zur Vorbereitung Daten gesammelt zur Studiensituation von älteren Semestern und sich im Land umgesehen, welche Ideen es gibt, die Studieneingangsphase und damit den Studienerfolg zu verbessern. Kerka: „Es gibt das eine oder andere, aber in dieser Form sind wir zumindest in Nordrhein-Westfalen im Moment Pioniere und einzigartig.“

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